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Mein Kaiserschnitt

Wie fühlt sich ein Kaiserschnitt an?

Im Osteopathie Studium habe ich so viel darüber gelernt, was mit uns aus Sicht des Kindes passiert, wenn es zu einem Kaiserschnitt kommt. Ich selber war eine Hausgeburt und wurde im Wasser geboren. Mein Leben lang habe ich Geschichten gehört, wie das der schönste Tag im Leben meiner Eltern war.

Mir kommen jetzt schon die Tränen, ohne dass ich konkret weiss, was ich schreiben soll, wo anfangen...

Für mich hat sich der Kaiserschnitt kalt angefühlt. Ich erinnere mich an viele Eindrücke, die mit Kälte zutun haben. Zum Beispiel als einzige im Raum voller bekleideter und maskierter Menschen nackt zu sein. Das kalte, braune Jod, das über meinen Bauch gepinselt wurde. Die kalten Elektroden-Sticker auf meinem Brustkorb. "Nicht erschrecken, das wird gleich ein bisschen kalt". 


Die Spinalanestesie betäubt scheinbar nur die protopathischen Wahrnehmungen, d.h. ich spüre während des Eingriffs keinen Schmerz und keine Temperatur. Aber alles andere, was mich erst verunsichert: Berührung, Ruckeln, reges Hantieren. Obwohl die Temperaturempfindung nicht vorhanden ist, fühle ich im betäubten Teil meines Körpers vorallem Kälte, noch lange über die Narkose hinaus. Als hätte auf einer Ebene das Leben diesen Bereich des Körpers verlassen. 


Auch wenn es eine Extremsituation ist, mit sehr ambivalenten Gedanken und Gefühlen...

Wirkt die Betäubung? Was wenn nicht? Werde ich diesmal ohne Vollnarkose und somit "dabei" sein können, meine erste Geburt miterleben? Wie geht es dem Kind? Ist es gesund? Jetzt ist es gleich endlich da! In wenigen Minuten werden wir unser Kind zum ersten Mal in Händen halten.


Mein Mann und ich hatten etwas Zeit zwischen unserer Entscheidung zum Kaiserschnitt und der tatsächlichen Durchführung. Es waren wichtige Minuten, in denen wir zusammen weinen konnten, mit dem Kind sprechen und ihm erklären, was gleich passieren würde.

Auch ich bin dieses Mal ganz anders in den OP Saal gelaufen. Immer ein Stück weit im Außen am Aufnehmen und im Innern am Registrieren. So geht es mir also. Ich habe Angst, aber es gibt einen Anteil in mir, der mir Mut machen kann, ein Stückchen Zuversicht.

Wieder ist der OP Tisch so hoch, dass das Team mir einen Hocker hinstellt, damit ich trotz großem Bauch auf die harte Bank klettern kann. Sie ist kalt. Ich soll hier erstmal sitzen, nicht liegen.


Ich versuche mich nicht gross im Raum umzuschauen, weil ich keine Skalpelle, Spritzen und Scheren sehen will. Ich schaue auf meinen Bauch und spreche zu ihm murmelnd. Für mich ist die Spinalanästhesie das Beängstigendste am ganzen Kaiserschnitt. Weil es der einzige Schritt war, den ich beim letzten Mal noch mitbekommen habe und der nicht gelingen wollte, was sehr schmerzhaft war.


Als der Anästhesist beginnt an meinem Rücken herumzuwerkeln und immer wieder betont, dass ich ganz still halten soll, ist mein wahrnehmender, nach innen gerichtete Blick verloren gegangen. Und ich mit meiner vollen Aufmerksamkeit nur noch bei der Haut an meinem Rücken. Tut gleich was weh? Was passiert jetzt?

Erst als der Anästhesist fragt "Was ist das für ein Geräusch?" und die OP-Schwester antwortet "die Patientin singt", merke ich, dass ich summe. Die Art, wie gefragt und geantwortet wird, lässt mich zwar die Verwunderung herausspüren, aber es liegt kein Urteil darin. OK, die Patientin summt.


Ich nehme wieder andere Dinge wahr, als die Nadel an meinem Rücken: das freundliche OP-Team, die kleinen Narben auf meinem Bauch, wo unser Erstgeborener vor ein paar Wochen übereifrig beim Toben in den Bauch gebissen hatte und dass ich summe. Erst überlege ich, ob ich aufhören soll. Oder ob es mir peinlich ist. Aber das ist es nicht.

Auch wenn es eine Extremsituation ist (hatte ich vorhin begonnen zu schreiben), bleibe ich diesmal irgendwie "dabei". Kann immer wieder dahin zurück kommen, dass es mich in dieser Erfahrung gibt. Meine Atmung, der Bauch, das Baby.


Irgendwann liege ich dann, die Anästhesie ist gelungen und mein Mann darf in den Raum kommen. Ich sehe nur seine Augen, weil er eine Maske trägt und versuche darin zu lesen, wie es ihm geht. Einen Kaiserschnitt mit zu erleben, von außen.


Die Ärzte sind ganzschön am Stönen und pressen immer wieder meinen Thorax kurz oberhalb meines Solarplexus zusammen. Ich höre mehrere Scherenschnitte durch Fleisch. Mein Körper wird hin und her gerissen. Ich spüre keinen Schmerz und nehme trotzdem eine Wehemenz hinter dem grünen Tuch wahr, das als Sichtschutz dient. Ich bemerke, dass die Ärzte versuchen leise zu arbeiten. Trotzdem liegt eine Aufregung in ihren Lauten und Worten, die sich mit dem ersten Schrei unseres Kindes auflöst.


Da ist er. Er liegt gleich auf meiner Brust. Da ist er endlich. Er schaut mit großen Augen. Ich kann ihn nicht anfassen, weil meine Arme festgeschnallt sind. Aber wenn ich meinen Kopf anhebe, kann ich ihn mit meiner Nasenspitze berühren und küssen, meine Nase an sein Gesicht halten. Mein Mann legt seine Hand auf ihn und ich kann nicht anders, als immer wieder leise "Hallo" zu sagen. Ich habe so eine große Sehnsucht ihn zu halten, als hätte ich ihn jahrelang vermisst und endlich wiedergefunden. 


Wie fühlt sich ein Kaiserschnitt an? 

Es fühlt sich nicht an, wie eine Geburt. Nicht warm, nicht brennend heiss, nicht nach Leben. Sondern schmerzlos, technisch und kühl. Als hätte jemand den Moment zwischen "dem großen, sonnigen Bauch" und "dem Kind in meinen Armen" herausgeschnitten. 

Aber am Ende ist ein Kind da, das sein extrauterines Leben beginnt. Also ist es vielleicht doch eine Geburt? 

Die Liebe und Wärme, die da ist, für dieses kleine Wesen, überwiegt jedenfalls alles. Von dem Moment an, als der Kleine auf meiner Brust lag, kann ich nichts mehr von der restlichen OP erinnern, auch von allem was danach noch mit mir passiert nicht. Für mich gab es nur die kleinen, schwarzen Augen, das Schmatzen und die unwillkürlichen Bewegungen seiner winzigen Finger. Ihn zu wärmen und zu bestaunen. 

Zu Stillen. 

Bis heute, viele Wochen später.



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